Archive | June 2012

Brecht and Lao Tzu

Bertolt Brecht (German original)

„Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King

auf dem Weg des Laotse in die Emigration“

                                                                                               English translation follows

Als er Siebzig war und war gebrechlich

Drängte es den Lehrer doch nach Ruh

Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich

Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.

Und er gürtete die Schuh.

 

Und er packte ein, was er so brauchte:

Wenig. Doch es wurde dies und das.

So die Pfeife, die er abends immer rauchte

Und das Büchlein, das er immer las.

Weißbrot nach dem Augenmaß.

 

Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es

Als er ins Gebirg den Weg einschlug

Und sein Ochse freute sich des frischen Grases

Kauend, während er den Alten trug.

Denn dem ging es schnell genug.

 

Doch am vierten Tag im Felsgesteine

Hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:

„Kostbarkeiten zu verzollen?“ – „Keine.“

Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach: “Er hat gelehrt.“

Und so war auch das erklärt.

 

Doch der Mann in einer heitren Regung

Fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?“

Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung

Mit der Zeit den harten Stein besiegt.

Du verstehst, das Harte unterliegt.“

  

Daß er nicht das letzte Tageslicht verlöre

Trieb der Knabe nun den Ochsen an

Und die drei verschwanden schon um eine schwarze Föhre

Da kam plötzlich Fahrt in unsern Mann

Und er schrie: „He, du! Halt an!

  

Was ist das mit diesem Wasser, Alter?“

Hielt der Alte: „Interessiert es dich?“

Sprach der Mann: „Ich bin nur Zollverwalter

Doch wer wen besiegt, das interessiert auch mich.

Wenn du’s weißt, dann sprich!

  

Schreib mir’s auf! Diktier es diesem Kinde!

So was nimmt man doch nicht mit sich fort.

Da gibt’s doch Papier bei uns und Tinte

Und ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort.

Nun, ist das ein Wort?“

  

Über seine Schulter sah der Alte

Auf den Mann: Flickjoppe. Keine Schuh.

Und die Stirne eine einzige Falte.

Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu.

Und er murmelte: „Auch du?”

  

Eine höfliche Bitte abzuschlagen

War der Alte, wie es schien, zu alt.

Denn er sagte laut: „Die etwas fragen

Die verdienen Antwort.“ Sprach der Knabe: „Es wird auch schon kalt.“

„Gut, ein kleiner Aufenthalt.“

  

Und von seinem Ochsen stieg der Weise

Sieben Tage schrieben sie zu zweit

Und der Zöllner brachte Essen (und er fluchte nur noch leise

Mit den Schmugglern in der ganzen Zeit).

Und dann war’s soweit.

  

Und dem Zöllner händigte der Knabe

Eines Morgens einundachtzig Sprüche ein.

Und mit Dank für eine kleine Reisegabe

Bogen sie um jene Föhre ins Gestein.

Sagt jetzt: kann man höflicher sein?

  

Aber rühmen wir nicht nur den Weisen

Dessen Name auf dem Buche prangt!

Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.

Darum sei der Zöllner auch bedankt:

Er hat sie ihm abverlangt.

 

 

Lao Tzu – Bertolt Brecht translated by John Willet

Legend of the origin of the book Tao Te Ching on Lao-Tzu’s road into exile

 

Once he was seventy and getting brittle

Quiet retirement seemed the teacher’s due.

In his country goodness had been weakening a little

And the wickedness was gaining ground anew.

So he buckled on his shoe.

 

And he packed up what he would be needing:

Not much. but enough to travel light.

Items like the book that he was always reading

And the pipe he used to smoke at night.

Bread as much as he thought right.

 

Gladly looked back at his valley, then forgot it

As he turned to take the mountain track.

And the ox was glad of the fresh grass it spotted

Munching, with the old man on its back

Happy that the pace was slack.

 

Four days out among the rocks, a barrier

Where a customs man made them report.

‘What valuables have you to declare there?’

And the boy leading the ox explained: ‘The old man taught’.

Nothing at all, in short.

 

Then the man, in cheerful disposition

Asked again: ‘How did he make out, pray?’

Said the boy: ‘He learnt how quite soft water, by attrition

Over the years will grind strong rocks away.

In other words, that hardness must lose the day.’

 

Then the boy tugged at the ox to get it started

Anxious to move on, for it was late.

But as they disappeared behind a fir tree which they skirted

Something suddenly began to agitate

The man, who shouted: ‘Hey, you! Wait!’

 

‘What was that you said about the water?’

Old man pauses: ‘Do you want to know?’

Man replies: ‘I’m not at all important

Who wins or loses interests, though.

If you’ve found out, say so.’

 

‘Write it down. dictate it to your boy there.

Once you’ve gone, who can we find out from?

There are pen and ink for your employ here

And a supper we can share; this is my home.

It’s a bargain: come!’

 

Turning round, the old man looks in sorrow

At the man. worn tunic. got no shoes.

And his forehead just a single furrow.

Ah, no winner this he’s talking to.

And he softly says: `You too?’

 

Snubbing of politely put suggestions

Seems to be unheard of by the old.

For the old man said: ‘Those who ask questions

Deserve answers.’ Then the boy; ‘What’s more, it’s turning cold.’

‘Right. then get my bed unrolled.’

 

Stiffly from his ox the sage dismounted.

Seven days he wrote there with his friend.

And the man brought them their meals (and all the smugglers were astounded

At what seemed this sudden lenient trend).

And then came the end.

 

And the boy handed over what they’d written –

Eighty-one sayings – early one day.

And they thanked the man for the alms he’d given

Went round that fir and climbed the rocky way.

Who was so polite as they?

 

But the honour should not be restricted

To the sage whose name is clearly writ.

For the wise man’s wisdom needs to be extracted.

So the customs man deserves his bit.

It was he who called for it.